Stand: Juli 2026 · wird quartalsweise aktualisiert
Die Lage der Autoindustrie in 8 Fragen
Kurze Antworten auf die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden. Jede Antwort verlinkt die ausführliche Analyse mit allen Quellen. Von Philipp Raasch, 10 Jahre Mercedes-Benz, heute unabhängiger Analyst der Autoindustrie. Mehr über mich
Wie steht es um die deutsche Autoindustrie?
Philipp Raasch, Analyst der Autoindustrie
„Das Erfolgsmodell Made in Germany stand auf 4 Säulen. Verbrenner-Technik, ein dichtes Industrie-Ökosystem, billige Energie und Gewinne aus China. Alle 4 bröckeln gleichzeitig."
Seit 2019 sind über 100.000 Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie weggefallen. Bis 2035 sollen 125.000 weitere folgen (VDA)
Volkswagen, Mercedes und BMW verkaufen in China fast 1/3 weniger als 2018. Der chinesische Markt ist im selben Zeitraum um rund 1/4 gewachsen
2025 wurden in Deutschland 10 Autowerke geschlossen und nur 1 eröffnet. Keine andere große Region schließt mehr Werke, als sie öffnet (Berylls by AlixPartners, 2026)
„BYD durchläuft genau die Phase, für die das chinesische System es gebaut hat. Vom lokalen Champion zum globalen Konzern. Toyota hat das in den 80ern vorgemacht. BYD macht es schneller."
4,6 Mio. verkaufte Fahrzeuge 2025 (+7,7%). Davon 1,05 Mio. Exporte, +150% gegenüber dem Vorjahr (BYD-Geschäftsbericht 2025, CnEVPost)
Anfang 2026 hat BYD Tesla bei den Neuzulassungen in Europa überholt (Reuters)
Pro Auto verdient BYD in China rund 650 Euro. Im Export sind es rund 2.600 Euro. Deshalb drückt BYD in die Weltmärkte
Staatssubventionen 2025: rund 1,6 Mrd. Euro, das sind 38,2% des Nettogewinns (BYD-Geschäftsbericht 2025)
Das Werk im ungarischen Szeged startet ab Q2 2026 die Massenproduktion, Kapazität bis zu 300.000 Fahrzeuge pro Jahr
„VW war Nummer 1 in China. Heute Platz 3, und ein Boden ist nicht in Sicht. Jetzt kauft VW seine Zukunftstechnologie getrennt in den USA und in China ein und baut sich zur Holding um. Ökonom Moritz Schularick hält sogar eine Übernahme durch einen chinesischen Hersteller für wahrscheinlich."
China-Absatz: von 4,23 Mio. Fahrzeugen (2019) auf 2,69 Mio. (2025), mehr als ein Drittel weniger (VW-Konzernzahlen)
VW kauft Technologie ein statt selbst zu entwickeln: bei Rivian in den USA (bis zu 5,8 Mrd. Dollar, rund 16% Anteil) und bei Xpeng in China (rund 5% Anteil). 2 getrennte Tech-Stacks für 2 Märkte
VW beendet die 2022 gestartete Allianz mit Bosch fürs autonome Fahren (rund 1,5 Mrd. Euro investiert) und will die Technologie ab Level 3 künftig zukaufen
Laut Presseberichten sollen bis zu 100.000 Stellen (von 657.000 weltweit) und 4 deutsche Werke wegfallen, darunter Hannover, Zwickau, Emden und Audi Neckarsulm. Nicht bestätigt, der Aufsichtsrat berät am 9. Juli 2026
Ökonom Moritz Schularick: „VW wird wahrscheinlich von einem chinesischen Autohersteller aufgekauft. Etwa von BYD."
Philipp Raasch, Analyst der Autoindustrie, aus meinem Auftritt bei Markus Lanz
„Das Datum ist die falsche Debatte. Das eigentliche Rennen läuft bei Batterie, Software und KI. Und genau da hängt Europa zurück."
Der EU-Vorschlag von Dezember 2025 senkt das Ziel auf 90% CO₂-Reduktion bis 2035. Über zusätzliche Anrechnungen (E-Fuels, Biokraftstoffe, grüner Stahl) ist real nur noch rund 73% im Gespräch (EU-Kommission)
Batterie, Software und KI machen zusammen bald bis zu 80% vom Wert eines Autos aus, früher waren es Motor, Getriebe und Fahrwerk. China kontrolliert bei der Batterie bis zu 90% der Wertschöpfungskette
China 2025: über 50% E-Anteil im Markt. In Europa wird Preisparität zwischen E-Auto und Verbrenner je nach Klasse zwischen 2026 und 2028 erwartet
Es gibt heute nicht mehr 1 VW, sondern 3: ein deutsches VW baut den Verbrenner, ein US-VW entwickelt mit Rivian, ein China-VW mit Xpeng. Die Zukunft entsteht in den USA und in China, nicht in Europa
„Autonomes Fahren kommt. Die Frage ist nur, ob es aus Europa kommt. Oder nur nach Europa."
Waymo ist nach einer Finanzierungsrunde über 16 Mrd. Dollar mit 126 Mrd. Dollar bewertet. Mehr als VW und BMW zusammen (Stand März 2026)
Waymo fährt 400.000 Fahrten pro Woche, über 200 Mio. autonome Kilometer, mit 90% weniger schweren Unfällen als menschliche Fahrer
Baidu Apollo Go fährt in über 20 Städten, bisher über 20 Mio. Fahrten. Pony AI testet mit Stellantis Robotaxis in Luxemburg
Europa hat die Hardware, aber keine Level-4-Plattform und keine eigenen KI-Chips. Mercedes und BMW haben ihre Level-3-Systeme vorerst gestrichen (Analyse mit Malte Broxtermann, Berylls by AlixPartners)
„KI trifft die Autoindustrie anders, als alle denken. Zuerst die anspruchsvollsten Büro-Jobs, nicht das Band. Wer tief im Thema steckt, wird von KI besser statt ersetzt."
Eine Auswertung von 2 Mio. echten KI-Interaktionen zeigt: In IT und Software wären 96% der Aufgaben automatisierbar, genutzt werden erst 32% (Anthropic-Studie)
Bei anspruchsvollen Aufgaben beschleunigt KI die Arbeit um Faktor 12
Juniors werden mit KI 26 bis 39% produktiver, Seniors 8 bis 13%. Das Junior-Hiring in europäischen Tech-Firmen ist binnen 1 Jahres um 73% eingebrochen
Von 1,2 Mio. gestrichenen US-Stellen 2025 waren nur 4,5% tatsächlich KI-bedingt. 59% der Personaler schieben KI vor, weil das bei Investoren besser ankommt
Philipp Raasch, Analyst der Autoindustrie und Ex-Mercedes-Insider
„Die Zahlen sind das Symptom. Dahinter liegt eine Identitätskrise. Mercedes hat keine Geschichte mehr, die man den eigenen Leuten erzählen kann. Lost in Transformation."
EBIT 2025: 5,82 Mrd. Euro (-57%). Pkw-Marge 5,0%, vor 3 Jahren waren es fast 15% (Mercedes-Benz Jahreszahlen 2025)
China-Absatz: 551.900 Autos (-19%), während der Gesamtmarkt gewachsen ist
„Effizienter werden reicht diesmal nicht. Zum ersten Mal seit Generationen müssen diese Unternehmen überdenken, was sie überhaupt tun."
17 deutsche Firmen stehen in den Top 100, zusammen Platz 2 nach Umsatz. Median-Marge: 1,7%, die dünnste aller großen Zuliefernationen (Berylls by AlixPartners, 2026)
Japanische Zulieferer verdienen im Median 5,9%, chinesische 9,6%. 8 der 10 wachstumsstärksten Zulieferer der Welt sind chinesisch